by Moritz, Graf von Strachwitz (1822 - 1847)
Das Herz von Douglas
Language: German (Deutsch)
I. „Graf Douglas, presse den Helm ins Haar, gürt' um dein lichtblau Schwert, schnall' an dein schärfstes Sporenpaar und sattle dein schnellstes Pferd! Der Totenwurm pickt in Scones Saal, ganz Schottland hört ihn hämmern. König Robert liegt in Todesqual, sieht nimmer den Morgen dämmern.” Sie ritten vierzig Meilen fast und sprachen Worte nicht vier; und als sie kamen vor Königs Palast, [blutete]1 Sporn und Tier. König Robert lag im Norderturm, sein Auge begann zu zittern: „Ich höre das Schwert von Bannockburn auf der Treppe rasseln und schüttern! Ha, [Gottwillkomm]2, mein tapf'rer Lord! Es geht mit mir zu End', und du sollst hören mein letztes Wort und schreiben mein Testament. Es war am Tag von Bannockburn, da aufging Schottlands Stern, es war am Tag von Bannockburn, da schwur ich's Gott dem Herrn: Ich schwur, wenn der Sieg mir sei verlieh'n und fest mein Diadem, mit tausend Lanzen wollt' ich zieh'n hin gen Jerusalem. Der Schwur wird falsch, mein Herz steht still, es brach in Müh' und Streit; es hat, wer Schottland bändigen will, zum Pilgern wenig Zeit. Du aber, wenn mein Wort verhallt und aus ist Stolz und Schmerz, sollst schneiden aus meiner Brust alsbald mein schlachtenmüdes Herz. Du sollst es hüllen in roten Samt und schließen in gelbes Gold, und es sei, wenn gelesen mein Totenamt, im Banner das Kreuz entrollt. Und nehmen sollst du tausend Pferd' und tausend Helden frei und geleiten mein Herz in des Heilands Erd', damit es ruhig sei!” II. „Nun vorwärts, Angus und Lothian, lasst flattern den Busch vom [Haupt]3, der Douglas hat des Königs Herz, wer ist es, der's ihm [raubt]4? Mit den Schwertern schneidet die Taue ab, alle Segel in die Höh'! Der König fährt in das schwarze Grab, und wir in die schwarzblaue See!” Sie fuhren Tage neunzig und neun, gen Ost war der Wind gewandt, und bei dem hundertsten Morgenschein, da stießen sie an das Land. Sie ritten über die Wüste gelb, [wie]5 im Tale blitzt der Fluss, die Sonne stach durchs Helmgewölb', als wie ein Bogenschuss. Und die Wüste war still, und kein Lufthauch blies, und schlaff hing [Schärpe]6 und Fahn', da flog in Wolken der stäubende Kies, draus flimmernde Spitzen sah'n. Und die Wüste ward voll, und die Luft erscholl, und es hob sich Wolk' an Wolk'. Aus jeder berstenden Wolke quoll speerwerfendes Reitervolk. Zehntausend Lanzen funkelten rechts, zehntausend schimmerten links, „Allah, il Allah!” scholl es rechts, „Il Allah!” [scholl]7 es links. - Der Douglas zog die Zügel an, und still stand Herr und Knecht: „Beim [heiligen]8 Kreuz und Sankt Alban, das gibt ein grimmig Gefecht!” Eine Kette von Gold um den Hals ihm hing, dreimal um ging sie rund, eine Kapsel an der Kette hing, die zog er an den Mund: „Du bist mir immer gegangen [voran]9, o Herz! bei Tag und Nacht, drum sollst du auch [heut', wie du stets getan]10, vorangeh'n in [die]11 Schlacht. Und verlasse der Herr mich drüben nicht, wie ich hier dir treu verblieb, und gönne mir noch auf das Heidengezücht einen christlichen Schwerteshieb.” Er warf den Schild auf die linke Seit' und band den Helm herauf, und als zum Würgen er saß bereit, in den Bügeln stand er auf: „Wer dies Geschmeid' mir wieder schafft, des Tages Ruhm sei sein!” Da warf er das Herz mit aller Kraft in die Feinde mitten hinein. Sie schlugen das Kreuz mit dem linken Daum', die Rechte den Schaft legt' ein. Die Schilde zurück und los den Zaum! Und sie ritten drauf und drein. - Und es war ein Stoß, und es war eine Flucht und rasender Tod rundum, und die Sonne versank in [der]12 Meeresbucht, und die Wüste war wieder stumm. Und der Stolz des Ostens, er lag gefällt im meilenweiten Kreis, und der Sand ward rot auf dem Leichenfeld, der nie mehr wurde weiß. Von den Heiden allen, durch Gottes Huld, entrann nicht Mann, noch Pferd; kurz ist die schottische Geduld [und]13 lang ein schottisch Schwert! Doch wo am dicksten ringsumher die Feinde lagen im Sand, da hatte ein falscher Heidenspeer dem Grafen das Herz durchrannt. Und er schlief mit klaffendem Kettenhemd, längst aus war Stolz und Schmerz, doch unter dem [Schilde festgeklemmt]14 lag König Roberts Herz.
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2 Herzogenberg: "Gott willkommen"
3 Herzogenberg: "Haupte"
4 Herzogenberg: "raubte"
5 Herzogenberg: "als wie"
6 Herzogenberg: "Schärp'"
7 Herzogenberg: "erscholl"
8 Herzogenberg: "heil'gen"
9 Herzogenberg: "voraus"
10 Herzogenberg: "heut'"
11 Herzogenberg: "der"
12 Herzogenberg: "die"
13 Herzogenberg: "doch"
14 Herzogenberg: "Schilde"
Researcher for this page: Johann Winkler
Confirmed with Neue Gedichte von Moritz Grafen Strachwitz, Breslau, Verlag von Eduard Trewendt, 1848, pages 165-173.
1 Herzogenberg: "da blutete"2 Herzogenberg: "Gott willkommen"
3 Herzogenberg: "Haupte"
4 Herzogenberg: "raubte"
5 Herzogenberg: "als wie"
6 Herzogenberg: "Schärp'"
7 Herzogenberg: "erscholl"
8 Herzogenberg: "heil'gen"
9 Herzogenberg: "voraus"
10 Herzogenberg: "heut'"
11 Herzogenberg: "der"
12 Herzogenberg: "die"
13 Herzogenberg: "doch"
14 Herzogenberg: "Schilde"
Text Authorship:
- by Moritz, Graf von Strachwitz (1822 - 1847), "Das Herz von Douglas", appears in Neue Gedichte, in 4. Romanzen und Historien [author's text checked 1 time against a primary source]
Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive):
- by (Leopold) Heinrich (Picot de Peccaduc), Freiherr von Herzogenberg (1843 - 1900), "Das Herz von Douglas", op. 51, published 1886 [ baritone or mezzo-soprano and piano ], Leipzig, Rieter-Biedermann [sung text not yet checked]
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